Alltägliche Rituale sind wichtig für beide Seiten

Schon zu meinen Lebzeiten waren mir Rituale wichtig. Sie gaben mir Stabilität, Ordnung und Struktur in meinem täglichen Leben und das nicht nur zu Zeiten meiner Krankheit, sondern von Kindesbeinen an. So meine ich hier die täglichen Rituale, aber auch die Rituale im Kreise unserer Familie bei besonderen Festtagen waren mir wichtig (wobei ich mich in diesem Artikel auf die alltäglichen Rituale beschränke). Das war immer etwas, worauf ich mich gefreut habe. Mit zunehmender Verschlechterung meiner Krankheit wurden Rituale immer wichtiger, weil sie dadurch Struktur in meinen tristen Alltag brachten und eine Unterbrechung des monotonen Tagesablaufs darstellten, obwohl sie mir gegen Ende meines irdischen Daseins manchmal schließlich zu viel wurden. Nichts desto trotz versuchte Mama gewisse Rituale beizubehalten, wenn auch in abgespeckter Form. Und nach meinem Übergang?

Mama behielt viele eisern bei, obwohl sie zu dem Zeitpunkt noch gar nichts von einem Leben nach dem Tod wusste. Intuitiv kam sie wie zu meinen Lebzeiten immer ungefähr zur selben Zeit in meine Wohnung, um die Rollläden hoch zu ziehen und sagte mir „guten Morgen“. Das war nach meinem Heimgang ganz wichtig für mich, denn so hatte ich einen festen „Zeitpunkt“ zu dem sie ganz sicher sich mit mir beschäftigte. Und als sie wenige Wochen nach meinem Heimgang davon überzeugt war, dass ich weiter existiere, war es für sie ganz klar: die Rituale von früher mussten wieder ins Leben gerufen werden. Wie war ich da froh! Jetzt hatten wir wieder gemeinsame „Zeitpunkte“ zu denen sie sicher an mich dachte, zu denen sie sich sicher mit mir unterhielt, usw. Das klingt für den einen oder anderen „verrückt“, ist es aber nicht, denn es hilft zum einen ihr, weil sie für ein paar Momente so handelt, als ob ich noch am irdischen Leben teilhaben würde und zum anderen mir, weil ich mich in meine Familie integriert fühle, so als ob „nichts passiert“ wäre.

Ganz wichtig ist ihr gleich nach dem Aufstehen in der Wohnung einige Teelichter und Kerzen anzuzünden, seien sie echt oder elektrisch, das spielt keine Rolle, Hauptsache es geht ein Strahlen von ihnen aus und sie verwandeln den Raum in ein harmonisches Ambiente, in das ich gerne regelmäßig komme und mich wohlfühle. Jeden Morgen kommt sie in mein Schlafzimmer und wünscht mir „einen guten Morgen“ und wenn sie das Haus verlässt „verabschiedet“ sie sich von mir wie zu meinen Lebzeiten, obwohl ich ihr schon oft gesagt habe, dass ich sie begleite und sie mich auch regelmäßig darum bittet. Trotzdem gefällt es mir: wieder ein Moment, in dem sie durch ihre liebevollen Gedanken meine Energie erhöht. Jeden Nachmittag treffen wir uns und unterhalten uns über alltägliche Dinge, aber auch über Dinge der Vergangenheit, die sie oder mich belasten. Diese Zeit möchte weder sie noch ich missen, gibt sie uns beiden Kraft für unsere weiteren „Tätigkeiten“ und die Freude, die bei uns beiden mitschwingt, weil wir uns wieder ganz nahe und vertraut sind, erhöht ebenfalls unser Energielevel. Dadurch kommen wir uns täglich noch näher, als wir uns ohnehin sind und sie geben uns beide das Gefühl nicht wirklich getrennt zu sein. In diesen Zeitfenstern haben wir beide das Gefühl in einer gemeinsamen „Welt“ zu leben. Am Abend gehen wir den Tag gemeinsam durch und nachdem sie die Rollläden wieder heruntergelassen hat, treffen wir uns auf dem Balkon, wo sie sich für den vergangenen Tag bei mir bedankt und mir durch das Anzünden von Wunderkerzen „gute Nacht“ sagt. All diese Rituale sind für uns beide so wichtig, sie zeigen uns, dass wir eigentlich noch nebeneinander her leben, sie weiß in diesem Moment, dass ich ihr ganz nahe bin, was sie ja auch körperlich spürt, und ich weiß, dass sie liebevoll an mich denkt und mir somit Kraft für weitere diesseitige wie jenseitige Unternehmungen gibt. Auch wenn es bei uns keine Zeit mehr gibt wie im Diesseits, „brennen“ sich solche Regelmäßigkeiten in meine Existenz ein und sind weitere Bindeglieder für unsere nie endende Bindung, die dadurch immer inniger und stärker wird.

Weder Mama noch ich möchten diese Regelmäßigkeiten im Tagesablauf von Mama missen, denn sie sind für sie heilsam und ein weiterer Meilenstein im Gefühl, nie getrennt zu sein. Für mich gibt es keine Trennung, kann ich doch immer bei ihr sein, für sie ist es aber ein Lernprozess dieses Gefühl zu verinnerlichen, dass es eben keine Trennung gibt. Dieses Gefühl stabilisiert sie ein bisschen und dadurch reduziert sie ihre Trauer ein ganz klein wenig, wenigstens für ein paar Momente, was auch für mich „Erholung“ ist, wenn ich sie nicht so leiden sehe, denn diese Traurigkeit überträgt sich auch auf mich und schränkt mein eigentlich „leichtes Leben“ doch etwas ein. Deshalb halte ich die täglichen Rituale für unheimlich wichtig, möchte sie nicht missen und hoffe, dass sie sie immer beibehält, so wie ich auch immer an ihre Seite stehe.

Hier wird unsere gegenseitige Liebe wieder einmal mehr intensiv ausgetauscht, was uns beide weiterbringt auf unserem gemeinsamen Weg. Denn dieser gemeinsame Weg ist etwas ganz Besonderes, für den wir beide unendlich dankbar sind. Nie hätte ich gedacht, dieses Geschenk von der geistigen Welt nach meinem Heimgang zu erhalten.

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