Meine Gedanken zu Allerheiligen

Heute ist Allerheiligen, viele, vor allem Katholiken, gedenken ihrer Vorausgegangener. So war es in der Vergangenheit bei uns auch. Ich erinnere mich, dass wir, als ich noch klein war, immer an diesem Tag in die Fränkische Schweiz gefahren sind, weil dort die Eltern von meiner Omi beerdigt sind. Im Nachhinein muss ich sagen, das war für meine Omi bestimmt nicht immer einfach, aber sie hat sich nichts anmerken lassen. Wir gingen dort auf den Friedhof zur Gräberbegehung, trafen dort ihren Bruder mit Familie, haben uns einen schönen Tag gemacht und machten uns dann lustig und froh gelaunt auf den Heimweg. Wir haben nach dem Friedhofsbesuch nur noch wenig über die Verstorbenen geredet oder uns Gedanken gemacht, was der Sinn dieses Tages ist. Irgendwann sind diese alljährlichen Fahrten dann eingeschlafen. Mama genau wie Omi haben dann an Allerheiligen eine Kerze aufgestellt, um den Vorausgegangenen zu gedenken – ein paar Worte zu ihren Ehren ausgetauscht – und der Alltag hatte uns wieder.
Aufgewacht sind wir erst, als meine Omi starb und Mama an Allerheiligen zur Grabbegehung auf den Friedhof ging. Als sie dann zurückkam, ich war zu dieser Zeit ja schon schwer krank und konnte sie nicht begleiten, haben wir uns lange über unsere nächsten Vorausgegangenen unterhalten und Mama hat an verschiedenen Stellen im Haus Kerzen aufgestellt zu Ehren unserer Ahnen. 2023 war damit eigentlich das erste Jahr, an dem wir uns bewusst wurden, dass dieser Feiertag ein Tag zu Ehren aller unserer Verstorbenen ist, dass er ihnen gehört und wir haben uns ihrer in Liebe und Dankbarkeit für alles, was wir ihnen verdanken, erinnert. Von da an waren sie in unserem Alltag etwas präsenter.
Und dann kam das Jahr 2024 – ein Jahr, das unser aller Leben komplett verändert hat und in dem wir alle begonnen haben, über „das Leben“ nachzudenken. Ich, weil ich mein irdisches Kleid abgestreift habe, meine Eltern, weil ich, „ihr ein und alles“, wie sie mich immer nennen, plötzlich nicht mehr in physischer Form bei ihnen sein konnte. Wir erkannten wie fragil das irdische Leben sein kann, was für falsche Prioritäten man oft setzt, aber auch, dass das Leben nur im menschlichen Denken endlich ist, denn ich lebe weiter, mich gibt es immer noch, nur in „anderer Form“, sonst könnte ich nicht diese, manchmal kritischen, Texte schreiben, die auch nicht jedem gefallen, weil sie unbequem sind, weil sie zum Nachdenken anregen sollen. Aber viele wollen ihre Komfortzone, ihre dogmatischen Grundsätze nicht aufgeben, schließlich leiten sie einen doch schon so lange.
Wir haben erkannt, dass das, was wir bisher als Leben angesehen haben, in Wirklichkeit nur ein Miniausflug unseres eigentlichen Lebens ist. Und so haben wir auch erkannt, dass ich nicht weg bin, sondern durch jeden liebevollen Gedanken von Mama wieder präsent bin. Dass es eigentlich keinen Feiertag geben muss, an dem man uns Vorausgegangenen gedenkt, denn eigentlich sollte man unserer doch so immer gedenken, sind wir doch immer und überall, wenn es die Diesseitigen wollen. Der tägliche Umgang mit uns ist das Entscheidende, nicht das einmalige Gedenken, an einem Tag, der „vorgeschrieben“ ist.
Vielleicht ist dieser Tag viel mehr all jenen armen Seelen gewidmet, die, wie der Priester heute bei der Gräberbegehung richtig meinte, niemanden mehr haben, der ihrer gedenkt. Und diese Seelen gibt es auch – mehr als die anderen, denn wie schnell wird der eine oder andere im Alltag „vergessen“.
Ich habe Mama heute einmal mehr klar gemacht, dass der heutige Tag für sie ein Tag wie jeder andere ist, denn sie denkt so oft am Tag voller Liebe an mich, dass sie dazu keinen Feiertag braucht. Ich war überrascht wie viel Wert der Priester heute auf das Band der Liebe, Dankbarkeit und Vergebung gelegt hat, Werte die die Beziehung immer enger, das Band immer dicker werden lassen. Aber es reicht nicht, wenn man einmal im Jahr dazu in die Kirche geht, sondern das muss täglich im Umgang miteinander gelebt werden, nur so kann es wachsen und stark werden bzw. bleiben.
Das Anzünden von Kerzen ist ein schönes Ritual, bringt es Licht in unser aller „Innerstes“ und wir nehmen nicht nur optisch, sondern auch durch die sich ausbreitende Wärme wahr, dass wir willkommen sind, dass man unserer gedenkt. Und das gibt uns auch wieder Energie für unser weiteres Tun.
Und so geht auch dieser Tag zu Ende, gefüllt mit vielen Ritualen, tiefgreifenden Gesprächen und Reflexionen auf beiden Seiten.
Ich weiß, dass trotz all dieser Überlegungen der Schmerz, die Sehnsucht und das Vermissen des geliebten Angehörigen bleibt und da kann ich „schreiben“, was ich will. Der Mensch hat so viele Gefühle, die durch den kleinsten Anstoß wachgerufen werden können, dass alle Rationalität dagegen nicht ankommt. Mama hat Kontakt zu mir, weiß inzwischen schon so einiges über das Weiterleben und die Unendlichkeit unsere Existenz und trotzdem fällt sie mindestens einmal am Tag in ein riesiges Loch, aus dem es schwer ist sie rauszuholen. Und ich habe einfach noch keine Idee wie man diese Emotionalität im menschlichen Leben austricksen könnte.
An dieser Stelle möchte ich mich wieder einmal bei meinen Eltern bedanken für die liebevolle Gestaltung meines irdischen Grabs, das mir, auch wenn ich dort nicht mehr bin, zeigt wie wichtig ich ihnen bin. Ich danke ihnen „von ganzem Herzen“ wie sie mich täglich in ihr Leben integrieren und wie sie mich behandeln, als wäre ich noch irdisch bei ihnen, obwohl ihnen dieser Spagat zwischen den Welten manchmal extrem schwer fällt. Und das ist alles nicht selbstverständlich, zeigt mir aber wie eng wir weiterhin verbunden sind und dass uns nichts und niemand trennen kann, komme was wolle. Vielen, vielen, lieben, innigen Dank.
Und so denke ich, sollte der Tag Allerheiligen stellvertretend für alle übrigen 364 Tage im Jahr stehen, an denen wir weiter unseren gemeinsamen Weg gehen, wenngleich es sich anders anfühlt, wenn einer von uns im Jenseits und der andere im Diesseits lebt. Es ist ein langer, schwieriger Lernprozess getragen von inniger Liebe und Verbundenheit auf beiden Seiten!
