So viel Schnee gab es schon lange nicht mehr

Der Wetterdienst kündigte Schnee für Esslingen an, aber Mama glaubte nicht so richtig daran. Wahrscheinlich ist eben wieder alles leicht „verzuckert“, so ihre Prognose. Doch dann kam es anders. Am Sonntagnachmittag begann es plötzlich heftig in Esslingen zu schneien und Mama wurde ganz wehmütig, weil sie doch wusste wie sehr ich den Schnee liebte und in meinen letzten Lebensjahren nie viel Schnee bei uns fiel. Früher ja, als ich noch Kleinkind war, wie haben wir da im Garten den Schnee genossen; Schneeballschlachten, Schneemänner, ach wie war das herrlich, oder einfach nur durch den Schnee „schlurchen“. Als Jugendlicher genoss ich den Schnee immer noch und liebte das Schneeschippen so sehr, dass ich vor lauter Freude auch bei unserem betagten Nachbarn geschippt habe. Ich schippte auch unseren gesamten Hof und legte große Schneemengen in den Ecken des Grundstücks an. Später machte ich Versuche mit in Wasser gelösten Chemikalien, um zu sehen, ob das eine echte Alternative zum Schippen für Menschen ist, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schippen können. Ich baute mir eine kleine Schneekanone, um den Schnee noch zu intensivieren und so lange ich noch gesund war, war ich immer im Freien, sobald nennenswerter Schnee fiel. Aber der ließ in den letzten Jahren leider deutlich nach und so schaute ich von meinem Bett sehnsuchtsvoll nach draußen, wenn ein paar Schneeflocken fielen, denn zum Wegfahren in schneereiche Gegenden ging es mir viel zu schlecht.
Und dann der 25. Januar 2026. Es schneite ohne Unterlass. Ach hätte ich das gerne irdisch erlebt. Wie zu meinen Lebzeiten machte Mama den Vorhang zurück und wir schauten einige Augenblicke gemeinsam dem Schneetreiben zu. Was Mama da durch den Kopf ging, möchte ich gar nicht wissen. Baust du bitte für mich einen Schneemann, übermittelte ich ihr, der Schnee reicht ja ewig. Und so ging sie auf unsere tief verschneite Terrasse und machte sich ans Werk. Ich war natürlich dabei und gab ihr gute Ratschläge, die sie aber nicht alle in die Tat umsetzte. Aber schließlich stand ein lustiger, unkonventioneller Schneemann auf dem Balkontisch, ausgestattet mit zwei Stöckchen in den „Händen“ und einem eigens von Mama kreierten Hut auf dem Kopf – so einen Schneemann hat die Welt noch nicht gesehen – ein Unikat. Ich freute mich, dass sie ihn mir zu Liebe gemacht hatte, auch wenn er anders als all die anderen Schneemänner aussah, die so allmählich in vielen Gärten entstanden. Aber was soll ich sagen? Er ist so einmalig wie ich es auch bin!
Jetzt ging es ans Schneeschippen auf dem Gehweg. Das war ganz schön viel Schnee, der da weg musste und Papa übernahm größtenteils die Arbeit. Und so konnte Mama noch ein bisschen im Schnee herumstapfen und ich übermittelte ihr, doch ein paar Schneeballen zu werfen, so wie ich es früher auch immer gerne gemacht habe. Naja, die waren klein und zart, aber immerhin. Und so verbrachten wir gemeinsam schöne Momente im Schnee und Mama sagte mir im Anschluss, dass sie den Eindruck hatte, ich wäre wieder bei ihr, so gut habe ich sie geleitet und geführt. Sie hatte ein richtiges Glücksgefühl verspürt – ach wie mich das freut, könnte ich ihr das doch öfter vermitteln.
Wir waren körperlich eins, hatten nur zwei Bewusstseine. Das war fantastisch. Ich erklärte ihr, sie müsse eben jetzt körperlich für uns beide leben und sich vorstellen, sie habe eben zwei Köpfe, die ihr Impulse geben. Vielleicht hilft ihr dieses Bild weiter. Auf jeden Fall haben wir so wieder ein paar schöne gemeinsame Stunden erlebt, getragen von inniger Verbundenheit und unserer nie endenden Liebe.
Das waren auch für mich wundervolle Momente, die mir wieder einiges an Energie gebracht haben, die ich anderweitig wieder einsetzen kann.
Vielen, vielen Dank liebe Mama, das war herrlich!

