Unser neues Familienleben

 

Nach meinem plötzlichen Heimgang stand das Leben meiner Eltern auf dem Kopf. Waren wir ja ohnehin nur eine kleine Familie und wenn dann ein Familienmitglied wegbricht, ist die entstandene Lücke prozentual gesehen eben viel größer als in einer Großfamilie, in der sich die Familienmitglieder gegenseitig stützen können, was nicht heißt, dass nicht jedes einzelne Familienmitglied seine Platz in der Runde hatte und fehlt. Aber wie sollte das bei meinen Eltern aussehen? Wer sollte da wen stützen – eine Katastrophe. Und zumal ja beide keine Ahnung hatten, dass ich noch weiterexistiere, neben ihnen, für sie unsichtbar. Der Schmerz war unendlich und ich fehlte volle 24 Stunden am Tag. Glücklicherweise hat Mama bald einen Jenseitskontakt gemacht, der ihr signalisierte, dass ich eigentlich doch noch da bin, bloß sie mich eben nicht mehr sehen kann. Skeptisch wie sie ist, brauchte sie zahlreiche Jenseitskontakte, um „vom Leben nach dem Tod“ überzeugt zu werden.

In der Zwischenzeit war das Leben meiner Eltern geprägt von tiefer Trauer und sie konnten auch nur das Notwendigste erledigen. Doch so ganz langsam lernte Mama mich zu spüren und sie erkannte auch allmählich ein paar meiner Zeichen. Wie viele Zeichen habe ich ihr geschickt, bis sie mal eines mir zugeordnet hat. Glücklicherweise arbeitete da die Zeit für uns. Mama lernte mich immer besser wahrzunehmen und erlernte auch so langsam die Kommunikation mit mir. Sie wurde sensibler und aufmerksamer und konnte so meine Präsenz allmählich immer mehr spüren und in ihr Leben integrieren.

Sie kehrte wieder zu einigen unserer Rituale zurück, die wir auch schon zu meinen Lebzeiten hatten und so ganz langsam „schlich“ ich mich auch wieder in ihr Leben ein. Und heute?

So einiges ist wieder wie zu meinen Lebzeiten. Sie wünscht mir einen guten Morgen, sie sagt mir Bescheid, wenn sie das Haus verlässt und bittet mich oft, sie zu begleiten. Sie gibt mir wieder Bescheid, wenn sie wieder zu Hause ist und erzählt mir, was sie unterwegs erlebt hat. Eigentlich ja unnötig, denn ich kann, wenn ich will, alles mitbekommen, aber jeder liebevolle Gedanke, den sie mit mir verbindet, verbindet auch uns noch mehr, als wir ohnehin schon verbunden sind. Manchmal bitte ich sie ein Gericht zu kochen, das ich gerne gegessen habe, als es mir noch gut ging oder beim Einkaufen das eine oder andere Lebensmittel zu kaufen, weil mich der Geschmack interessiert. Denn wenn sie es dann zu Hause konzentriert probiert, kann ich mitprobieren und den Geschmack erahnen, was mir immer viel Spaß macht. Beim Einkaufen hält sie nach Kleinigkeiten Ausschau, die sie mir mitbringen und in meine Wohnung stellen könnte und für Feiertage wie Weihnachten, Geburtstag, Namenstag oder Ostern macht sie sich Gedanken, womit sie mir eine Freude machen könnte. Das berührt mich immer sehr und wenn ich in mein Elternhaus komme, freue ich mich über alles, was sie an Neuem nach meinem Heimgang für mich erworben hat, um damit meine Wohnung zu verschönern und mich zu erfreuen. Wie oft sie so liebevoll an mich denkt! Wir treffen uns zu unseren alltäglichen Gesprächsrunden und am Abend gehen wir den Tag noch einmal gemeinsam durch und sie sagt mir gute Nacht. 

Und woher weiß sie, dass ich es mitbekomme, was sie macht?

Morgens versuche ich ihr ein Steinherz, ein Moosherz, einen Marienkäfer, eine kleine Wanze, die ich zu Lebzeiten so sehr mochte, oder Ähnliches zu schicken, ein Gruß von mir an sie für einen guten Start in den Tag. Beim Einkaufen schicke ich ihr häufig Federn, ein Cent-Stücke, ein Herzchen und dergleichen und so weiß sie, dass ich sie begleite. Sie weiß es aber auch ohne diese Zeichen, denn sie spürt mich ja immer, wenn sie es will. Wenn wir zu Hause sind, lasse ich zu gegebener Zeit das Licht flackern, mache ein ungewöhnliches Geräusch im Haus, schicke plötzlich einen Duft oder lasse mir andere Dinge einfallen, an denen sie mich erkennen kann und so weiß sie, dass ich um sie herum bin. Geht sie in Workshops oder Übungsgruppen, bittet sie mich, sie zu begleiten, was ich natürlich gerne mache und gelegentlich lasse ich das Bild am Bildschirm flackern, hebe die gelbe Hand beim Zoommeeting und unterstütze sie nach Kräften, damit sie bei den Übungen etwas zustande bringt, falls sie das möchte. Manchmal lasse ich auch ihren Katzenball blinken oder ein Ballonlämpchen, dann weiß sie, dass ich etwas Dringendes ihr mitzuteilen habe. Und so bringen wir den Tag gemeinsam rum. Ich bin inzwischen wieder in das Leben meiner Eltern integriert, denn wenn sie etwas entscheiden oder kaufen, werde ich regelmäßig nach meiner Meinung gefragt – und ich habe auch Mitspracherecht wie zu meinen Lebzeiten. Wie oft höre ich bei meinen Eltern Sätze wie „Tini meint aber …“ oder „Was sagt Tini dazu?“ Das sind natürlich Sätze, die mir „wie Öl runterlaufen“, denn sie zeigen mir dass meine energetische Präsenz bei meinen Eltern angekommen ist und sie sie langsam verinnerlichen.

Jetzt denkt vielleicht der eine oder andere, der das liest: dann ist doch wieder alles wie früher. Nein leider nicht!

Mir fehlt meine Körperhülle, die meine Seele zum „Mensch“ gemacht hat, der im irdischen Dasein körperliche Dinge machen konnte. Wie traurig ist Mama, wenn sie in meiner Wohnung all die vielen Sachen liegen sieht, die ich mir noch zurecht gelegt hatte, um das eine oder andere herzustellen, zusammenzumischen, auszuprobieren, zu erforschen. Das geht jetzt leider bei aller Anstrengung nicht. Oder wie gerne hat sie mir jetzt in der Vorweihnachtszeit ein paar Lebkuchen oder eine Flasche Glühwein oder Federweißer mitgebracht. Das war einmal und das tut Mama unendlich weh. Aber dafür habe ich bis jetzt keine Lösung und werde wahrscheinlich auch keine finden. Oder wie manchmal hat sie mir tröstend über die Stirn gestrichen, das kann sie jetzt bestenfalls auf einem Bild machen. Ich kann sie nicht mehr anstrahlen, mit ihr lachen und fröhlich sein, oder sie ablenken, das sind natürlich Dinge, die ihr unendlich fehlen und weh tun. Aber sie weiß, auch wenn das alles nicht mehr geht, dass ich bei ihr bin, ganz nah, näher wie zu meinen Lebzeiten, und sie stets liebevoll unterstützen kann, wenn sie Hilfe und Ratschläge braucht.

Wenn ich jetzt nach eineinhalb Jahre das Leben meiner Eltern mit dem unmittelbar nach meinem Heimgang vergleiche, so hat sich doch so manches wieder „normalisiert“, führen wir wieder ein Familienleben, das sich dem zu meinen Lebzeiten ein kleines bisschen angenähert hat, konnte ich doch viele Dinge, die heute nicht mehr gehen, damals auch schon nicht mehr machen auf Grund meiner Erkrankung. Wurden meine Eltern durch meine Erkrankung ganz langsam ein Stück weit auf ein Leben mit mir als Jenseitigem vorbereitet?

Mir ist bewusst, dass dieses Leben, das wir jetzt führen, für jemanden, der keinen engen Angehörigen oder gar ein Kind verloren hat, vollkommen verrückt klingt, aber für uns ist es eine Brücke zwischen den Dimensionen, ein liebevoller Pfad, auf dem wir uns entgegengehen und das Vermissen und die Sehnsucht ein klein wenig abmildern können.

Und manchmal hat unser heutiges Leben sogar Vorteile: wenn Mama unterwegs meinen Rat braucht, sagt sie ganz stolz, da muss ich meinen Sohn fragen, und so manch einer denkt, sie will telefonieren, aber nein, wir treten ohne technische Hilfsmittel miteinander telepathisch in Kontakt und ich versuche ihr meine Meinung zu übermitteln. Welch ein Glück, dass das so toll funktioniert.

Wir sind alle drei unendlich dankbar, dass trotz dieses schweren Schlags, für uns alle wieder ein ganz kleines bisschen „Normalität“ in unser gemeinsames Leben eingekehrt ist, auch wenn wir uns alle sehr vermissen und der Gedanke an ein „nie mehr“ sehr oft für Mama unerträglich ist.

 

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