Feuerwerk der Erinnerungen

Feuerwerk der Erinnerungen

 

 

Schon der dritte Sommer, den ich nicht mehr in meiner physischen Präsenz verbringen darf. Warum erwähne ich das? 

 

Als es mir noch gut ging, sind wir in den Sommermonaten regelmäßig zu Feuerwerksveranstaltungen gegangen, egal ob in Deutschland oder im Urlaub in fernen Ländern. Was waren das für schöne Abende, die ich da zusammen mit meinen Eltern und zeitweise auch Großeltern verbringen durfte. Egal ob Regen oder sommerliche Temperaturen, nichts konnte mich abhalten das bunte Treiben am Himmel zu beobachten. Was für schöne Figuren da an den Himmel gezaubert wurden, aber auch die gesamte Choreographie eines größeren Feuerwerks faszinierte mich genau wie meine Eltern und viele andere Menschen, die das Feuerwerk bestaunten. Es ist schon erstaunlich, was Feuerwerke bewirken können. Die einen bestaunen das Kunstwerk, andere sind emotional berührt. Wenn ich die vielen Paare sah, die eng umschlungen das Feuerwerk bestaunten, wurde mir bewusst, was dieser Farbenzauber mit Menschen machen kann. Und so erzählte mir mal ein Feuerwerkshändler in Südfrankreich, dass er so einiges an Feuerwerk an Bestattungsunternehmen verkauft, die zu einer Seebestattung aufs Meer hinausfuhren. Das hat mich zu tiefst beeindruckt, war bis dahin Feuerwerk für mich, zumindest in der heutigen Zeit, mit Lachen, lustigen Feiern und Fröhlichkeit verbunden. Von da an habe ich mir viele Gedanken über die Wirkung von Feuerwerk auf die Psyche von Menschen gemacht.

 

Die Jahre vergingen, ich genoss jedes Feuerwerk so als hätte ich gewusst, dass ich es auf Vorrat konsumieren müsse. Denn bald hat sich meine Krankheit bei mir so ausgebreitet, dass ich immer weniger Feuerwerke besuchen konnte. Meine Eltern, die wussten wie schwer es mir fiel, auf ein Feuerwerk zu verzichten, bemühten sich nach Kräften mir so ein Spektakel zu ermöglichen, indem sie mich direkt an Ort und Stelle aus dem Auto aussteigen ließen und solange Mama und ich langsamen Schrittes einen guten Sichtplatz aussuchten, suchte Papa einen Parkplatz und stieß dann später zu uns. Auch wenn es immer mühsamer wurde, habe ich diese Momente sehr genossen. Im Laufe der Zeit wurde die Bilanz negativ. Für so einen Ausflug musste ich wieder eine Woche das Bett hüten, lag im abgedunkelten Zimmer und war komplett auf Mama angewiesen. Wie manchmal zweifelte sie an der Sinnhaftigkeit dieser Unternehmungen, aber waren sie doch fast die einzigen Anlässe, neben Arztterminen, zu denen ich überhaupt noch das Haus verließ – und das inzwischen gerade mal einmal im Jahr.

 

Und dann kam der Tag meines Heimgangs und auch ihm folgten zahlreiche Feuerwerkstermine - für Mama ein Alptraum. Meine Eltern können nirgends mehr hingehen, wo wir gemeinsam schöne Augenblicke verbrachten, zu groß ist die Sehnsucht und der Schmerz an die schönen Erinnerungen, die sie mit mir und dem Feuerwerk verbinden.

Und ja, ich machte Mama klar, da kannst du ruhig hingehen, ich begleite dich, aber als ihre Trauer wieder einmal immens war, habe ich mich so richtig in sie reinversetzt und intensiv ihre Gefühle gespürt, die sie beim Anblick solcher Erinnerungen überkamen. Und da spürte ich um wie viel einfacher wir Vorausgegangenen es doch haben, da wir überall mit hin gehen können, alles fast wie früher wahrnehmen können. Aber was ist mit den Zurückgebliebenen? Sie fühlen uns zwar, aber sehen uns nicht, ein Unterschied wie zwischen gehen und fliegen. Und da wurde mir bewusst, jetzt zu übermitteln, genieße diesen Moment, wird Mama nicht gerecht. In diesem Augenblick ist die Erinnerung an Leichtigkeit und Fröhlichkeit in Verbindung mit mir viel zu schmerzhaft. Und deshalb bleibt mir da nur sie „in den Arm zu nehmen“, was sie spürt und ihr so meine Präsenz zu vergegenwärtigen. Aber ich weiß, das ersetzt meine physische Präsenz nicht. 

Und so begleite ich sie bei ihren zaghaften Versuchen ein paar Feuerwerkssequenzen von meinem Balkon aus zu erhaschen, ein Ort, von dem aus wir früher nie das Feuerwerk angesehen haben, weil es für mich mehr als unbefriedigend war. Aber dorthin zu gehen, wo wir gemeinsam schöne Momente verbringen durfte, schafft sie nicht wie ich ja bereits erwähnt habe. Und nachdem ich mich so richtig in sie reinversetzt habe, kam ich zu dem Entschluss, dass ich es auch nicht könnte, wäre sie vor mir gegangen. Der physische Verlust eines geliebten Menschen ist so viel mehr als wir Jenseitigen oft denken. Die vielen Facetten, die das Menschsein ausmachen, fallen weg. Und jetzt ein neues Leben aufzubauen, ein Leben mit dem Wissen, dass der geliebte Angehörige immer noch da ist, aber für einen unsichtbar, ist gar nicht so einfach. Ich erkläre Mama den „Mechanismus“ häufig, aber bis er wirklich bei ihr durchdringt, das wird noch dauern. Klar hat sie schon viele Fortschritte gemacht und für den Alltag reicht es oft schon, dass wir miteinander kommunizieren können, denn so fühlt sie sich oft nicht von mir verlassen, kann sie mich doch immer um Rat fragen und mir einfach kurz etwas erzählen. Aber dann gibt es eben auch die ganz emotionalen Momente, die richtig tief ins Innere gehen und da fehle ich eben doch mit meiner physischen Präsenz. Das sind dann die besonders schweren Momente, die Momente, die unseren neuen gemeinsamen Weg oft so steinig machen. Denn dieses neue Leben, bei dem einer im Diesseits und der andere im Jenseits ist, muss gelernt und verinnerlicht werden und zwar ganz bewusst. Wir Jenseitigen geben uns unendlich viel Mühe, die größten Steinbrocken aus dem Weg zu räumen, aber vereinzelt schaffen wir es nicht und dann gewinnt die Trauer und Sehnsucht nach uns wieder die Oberhand. Und je intensiver die Verbindung früher war und heute noch ist, desto schwieriger ist es mit dem Heimgang eines geliebten Menschen klarzukommen. Ich stelle mir vor, dass im Idealfall die innige Liebe die höchsten Spitzen der Trauer ein bisschen abflachen kann, um den Moment erträglicher zu machen. 

 

Viele trauernde Menschen, aber vor allem verwaiste Eltern, leisten da Schwerstarbeit, das ist ihrem Umfeld oft gar nicht bewusst. Ich habe inzwischen einen riesigen Respekt vor all den schwer Trauernden, insbesondere vor den Mamas und Papas, die diesen Weg mit ihren vorausgegangenen Kindern bewusst gehen und ich kann nur sagen: „Mama, ich bin stolz auf dich wie weit du schon gekommen bist“. Und dieser Satz lässt sich auf ganz viele trauernde Diesseitige ausweiten, die jeden Tag versuchen mit ihrer Liebe und Sehnsucht weiterzuleben.

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