Unser Leben 2.0
Eine gemeinsame Schnittmenge

Was hätten wir dafür gegeben, hätten wir gewusst wie alles endet,
Es sollte aber nicht sein, hätten wir es sonst vielleicht abgewendet?
Und so kam unverhofft der Tag, an dem sich unsere Wege trennten
Und wir zunächst ihre Richtung nicht kannten.
Du bliebst zurück, ich flog davon,
Wie sollten wir da zusammenkommen, wer wusste das schon?

Das war unsere Situation am Abend des 6. April 2024. Ein Schock auf beiden Seiten, nur dass ich das Glück hatte, viel schneller über die Lage aufgeklärt worden zu sein als Mama – sie stand vor dem Nichts. Der Mensch, den sie über Jahrzehnte gehegt und gepflegt hatte, den sie geliebt und begleitet hatte auf all seinen Wegen, war mit einem Schlag von der Erde verschwunden. Klar konnte sie meinen leblosen Körper sehen, aber an eine Interaktion mit mir war nicht mehr zu denken.
Doch bald taten sich kleine Leuchtpunkte bei ihr auf, sie erfuhr, dass es Möglichkeiten gab, wieder mit mir in Verbindung zu treten – was für ein Glück. Ich erfuhr es bereits kurz nach meinem Übergang, doch damit so eine Verbindung aufgebaut werden kann, braucht es nicht nur einen Sender sondern auch einen Empfänger – und daran mussten wir arbeiten. Ganz langsam, in Minischritten, gelang uns die Kontaktaufnahme – was war ich froh, als sie mal ein JA und ein NEIN von mir empfangen konnte. Und als sie meine ersten Worte vernommen hatte, hätte ich tanzen können vor Glück. Und so entwickelte sich unsere Kommunikation immer weiter und damit auch unser, vor allem aber Mamas Verständnis von unserem neuen Leben. Parallel zum Aufbau unserer Kommunikation sensibilisierte ich sie auch auf Zeichen der verschiedensten Art, die ich ihr schickte und die sie langsam erkannte und mir zuordnete. Und so hatten wir eine Basis geschaffen, auf der wir unser weiteres gemeinsames Leben aufbauen konnten, da sie jetzt meine „Lebenszeichen“ begann zu verstehen.
Wir leben in zwei verschiedenen Welten
und doch in einer Schnittmenge vereint
Martin und Hannelore Mäckle
Ganz klar, es ist in keiner Weise mehr das Leben wie vor meinem Heimgang. Für Mama ist alles viel schwerer geworden, sie ist oft traurig, weil sie mich nicht mehr sehen kann, das fehlt ihr unheimlich. Aber dafür kann sie meine Gefühle wahrnehmen, viel deutlicher als zu meinen Lebzeiten, hatte sie damals nicht so sehr darauf geachtet, konnte sie doch allein an meiner Mimik aber auch Gestik, meinen Gefühlszustand ablesen. Das geht jetzt natürlich nicht mehr. Dafür kann sie mich ständig und überall fühlen, wenn sie es nur möchte, oder sich mit mir (auch ohne Handy) in Verbindung setzen. Ich kann sie überall hin begleiten, wenn sie es will und ihr Ratschläge geben, so wie sie es eben braucht. Ich finde, da gibt es doch auch Vorteile gegenüber meinem irdischen Leben, wobei Mama diese Vorteile noch nicht so als solche akzeptiert hat wie ich es mir wünschen würde.
Ja, wir leben in zwei verschiedenen Welten, aber glücklicherweise gibt es eine Schnittmenge, in der wir uns frei bewegen können und die gilt es auszubauen. Unser Leben 2.0!
Diese Schnittmenge hält uns aufrecht, in der agieren wir gemeinsam, bis dann jeder wieder in seine Welt „abtaucht“.
Und was trägt diese Schnittmenge? Ich will hier nur ein paar Eigenschaften aufzählen: allem voran unsere innige Liebe, gefolgt von Vertrauen und Verbundenheit weit über alle Grenzen hinweg.
Und was nährt sie? Erinnerungen an frühere Zeiten, aber auch unzählige Zeichen, die Mama immer wieder signalisieren, dass sie sich nicht irrt, sondern dass ich tatsächlich noch präsent bin, auch wenn sie mich nicht sehen kann – noch nicht, sage ich jetzt mal ganz optimistisch. Ob uns das jemals gelingen wird, weiß ich nicht, aber wir arbeiten daran.
Und was bringt ihr das Wissen über unsere Schnittmenge? Das Gefühl, für ein paar Augenblicke in eine Welt mit mir abzutauchen, in der sie sich nicht mehr von mir getrennt fühlt, in der sie das Gefühl hat, es ist alles fast wie früher – das ist Erholung für uns beide. Das Gefühl in eine Welt einzutreten, in der es keine Trennung zwischen ihr und mir gibt, weder räumlich noch zeitlich, in der wir beide existieren können, einfach nebeneinander, so wie wir eben sind.
Und klar, dieses neue Leben muss man lernen zu leben. Ein interessantes Leben, das sowohl irdische als auch jenseitige Elemente enthält. In unserer Schnittmenge müssen wir lernen uns aufeinander einzulassen, ich lebe mit ihr wie einst im irdischen Leben, weil ich ja alles wahrnehmen kann, nur dass ich praktische Dinge zum Beispiel nicht mehr tun kann. Und wenn, dann geht das nur mit ihrer Hilfe, indem ich ihr Anweisungen gebe wie sie das eine oder andere machen könnte. Wir unternehmen auch wieder Dinge miteinander, denn ich begleite sie ja, wenn sie es will, wir kosten die verschiedensten Lebensmittel miteinander und haben auch manchmal unseren Spaß dabei, wenn wir zu einem Produkt ganz unterschiedlicher Meinung sind. In diesen Phasen vergisst Mama kurz, dass ich nicht mehr sichtbar bin. Doch dann muss sie halt auch leider die irdische Realität akzeptieren lernen. Nur das Wissen, dass ich noch da bin, dass ich mich mit ihr noch austauschen kann, ersetzt in manchen Situationen eben nicht die physische Präsenz eines geliebten Menschen. Wie oft geht sie in meine Wohnung und die Tränen laufen über ihr Gesicht, denn sie sieht mich nicht mehr so wie früher an meinem Labortisch beispielsweise stehen. Ich sage bewusst, sie sieht mich nicht, denn da bin ich sehr wohl, nur eben unsichtbar, zumindest für sie. Dieses Hin und Her zwischen den Welten muss sie langsam lernen zu verkraften und versuchen zu verstehen.
Ich für meinen Teil bin sehr gerne in dieser Schnittmenge „unterwegs“, kann ich doch gleichzeitig in der geistigen Welt sein und dort meine Aufgaben erfüllen, aber vor allem viel lernen und erforschen und auch im Leben von Mama „auftauchen“ und wenn ich ihr nur ein paar kleine Zeichen schicke wie einen Geruch, je nach Situation, lieblich oder streng, mal an die Türe klopfe oder einen ganz alten Parfumzerstäuber von Omi verstelle und zum Zeichen, dass ich es war, zwei Federn daneben lege, Botschaften auf ihr Smartphone schicke, das Licht flackern lasse, und und und .. Ich bin da sehr erfindungsreich, was meinem Naturell entspricht und was mir auch unendlich viel Freude bereitet, wenn sie ein Zeichen sieht und sofort weiß, dass es von mir kommt.
Wie viele Dinge haben mich aber auch zu meinen Lebzeiten interessiert, die heute für mich bedeutungslos geworden sind, dafür habe ich andere interessante Gebiete entdeckt, die mich faszinieren und in die ich mich weiter einarbeiten möchte. Es ist wie im irdischen Leben, man gibt da auch im Laufe des Lebens Interessensgebiete auf und wendet sich anderen zu. Das ist nicht auf allen Gebieten so. Es gibt auch Bereiche, die interessieren einen auch noch, wenn man die Seiten gewechselt hat, das ist individuell ganz verschieden.
Glücklicherweise lerne ich leicht und das Lernen in dieser neuen Dimension ist auch viel leichter als auf der Erde. Das begeistert zahlreiche Seelen, die auf Erden so richtige Lernmuffel waren – hier angekommen, beschäftigen sie sich mit Dingen, da hätten sie früher nicht im Entferntesten dran gedacht, dass sie so etwas mal begeistern könnte, geschweige denn, dass sie sich da einarbeiten könnten.
Leider kann ich nicht alles aus meinem irdischen Dasein in die geistige Welt übertragen, aber dafür gibt es hier wieder andere Möglichkeiten, davon hätte ich nicht einmal gewagt zu träumen (und ich hatte eine rege Fantasie), und sie sind auch so weit entfernt von jeglicher menschlicher Vorstellungskraft, dass ich sie auch leider nicht beschreiben kann.
Und so leben wir zusammen in zwei Welten und ich übermittle Mama immer wieder, welches Privileg wir haben, zu bemerken, dass wir immer noch zusammen sind, zwar jeder in seiner Welt und doch in einer Schnittmenge vereint. Sie ersetzt nicht das Leben, das wir verloren haben, aber sie schenkt uns ein neues: Unser Leben 2.0. Ich finde dieses Zusammenspiel zwischen den Welten unheimlich spannend und immer wieder versuche ich Mama davon zu überzeugen wie interessant das doch alles ist. Ich bin so froh, dass wir diese Möglichkeit gefunden haben, denn so sind wir nicht endgültig getrennt, wie man es so landläufig mit dem Tod eines geliebten Menschen verbindet. Wir haben erkannt, dass das Leben für jeden von uns und auch gemeinsam weitergeht und dass unsere enge Verbundenheit, unsere bedingungslose Liebe auch über meinen Heimgang hinaus weiter besteht und uns weiterhin zusammenhält wie zu meinen Lebzeiten, komme was wolle.
Mir ist schon bewusst, dass das Leben der Hinterbliebenen bedeutend schwieriger ist als das von uns Vorausgegangenen, und doch wollen wir gemeinsam mit unserer Unterstützung das Beste daraus machen und den lieben Angehörigen so manch einen Stolperstein aus dem Weg räumen oder zumindest ihn zerkleinern, damit auch deren Leben allmählich erträglicher wird und irgendwann wieder Licht auf den Boden dieses schweren Wegs fallen kann.

