Nicht immer perfekt - aber viel gelernt

Wie gerne erinnere ich mich an meine gesunden Lebensjahre. Ich kann es nicht oft genug betonen, in was für einem großzügigen Elternhaus ich aufgewachsen bin. Und ich meine damit nicht nur finanziell. Die finanzielle Seite war schön, klar, meine Eltern konnten mir viel ermöglichen, was bei meinen ausgefallenen Hobbys schon von Vorteil war und was ich nicht missen möchte. Wobei mir diese Großzügigkeit in jungen Jahren gar nicht so bewusst war, erst später erkannte ich diese Vorzüge und dafür bin ich meinen Eltern auch überaus dankbar. Manche meiner Hobbys hätte ich bestimmt nicht so intensiv ausleben können ohne die Unterstützung meiner Eltern.
Was aber meiner Meinung nach noch viel wichtiger ist, ist die großzügige Denkweise, die sie mir mit auf den Weg gegeben haben. Zu jedem Thema gibt es verschiedene Meinungen und die auszuloten und auch nebeneinander stehen zu lassen, ist und war für mich ein ganz wertvoller Lernprozess, von dem ich auch heute noch profitiere. Wie viel habe ich schon in jungen Jahren mit Mama diskutiert – und ich habe gerne diskutiert und mache es auch heute noch. Wie manchmal hat sie die Augen gerollt, weil ich nicht aufhören konnte, Argumente zu finden, wollte ich sie in jungen Jahren ja immer von meiner Sichtweise überzeugen. Ich war einfach unzufrieden, wenn sie anderer Meinung blieb und unsere beiden Meinungen nebeneinander stehen ließ. Erst im Laufe der Jahre habe ich erkannt, was diese „Erziehung“ mit mir gemacht hat. Toleranz anderen Menschen gegenüber! Und das kommt mir auch heute noch zugute. Eine großzügige, offene Denkweise ist so viel wert und öffnet einem immer wieder neue Tore. Aber mich zu meiner toleranten Denkweise zu bringen, war nicht immer einfach und hat Mama bestimmt viele Nerven gekostet, aber, wie sie heute sagt, das gehört zu mir, das bin ich, kritisch, reflektiert, offen für vieles und das ist ein Punkt, wo ich sage, ich war nicht immer einfach, ich war nicht perfekt, so wie kein Mensch ideal ist. Wobei es auch oft eine Frage des Gegenübers ist.
Mamas großzügige Denkweise bereitete mir auch den Boden für meinen Forschergeist. Schon in jüngster Kindheit hat mich zum Beispiel das Innenleben von Geräten interessiert und nachdem Mama mit mir einmal zum Entsetzen der ganzen Familie ein Bügeleisen aufgeschraubt und zerlegt hatte, war kein Gerät mehr vor mir sicher. Natürlich mussten wir es auch wieder zusammensetzen, das war weitaus schwieriger und hat Mama, die ja technisch keine Ahnung hat, schon an ihre Grenzen gebracht. Nur ein Glück, dass sie so ein gutes Gedächtnis hat. Wie viele Geräte habe ich vorsichtig aufgeschraubt, Mama saß interessiert daneben, hatte ja auch von nichts eine Ahnung, und gemeinsam haben wir uns überlegt, welches Teil wohl wofür gebraucht wird. Was hat sich da mein Opi aufgeregt, dass hier zwei Kindsköpfe am Werk sind. Aber wir haben alles wieder gebrauchsfertig zusammengebaut. Bei anderen Erwachsenen kamen wir damit gar nicht gut an, aber Mama war meine Entwicklung wichtiger als die Meinung anderer. Und auch wenn ich mal übers Ziel hinausschoss und morgens um 8 Uhr Seife kochte, dass dem Mieter im Stockwerk über uns die Augen tränten, weil der beißende Geruch der heißen Seife über unsere Dunstabzugshaube bei ihm am offenen Schlafzimmerfenster vorbei wabberte, konnte Mama sich nicht aufregen, war ja schließlich nicht mit Absicht, sondern nur aus Unwissenheit. Sie entschuldigte uns bei ihm, gab ihm eine Flasche Wein und erklärte ihm, wie wichtig auch diese Erkenntnis für mich sei, würde es doch stark von den Inhaltsstoffen abhängen (dass hierbei auch Laugendämpfe entstanden sind, hat sie ihm besser nicht gesagt). Und die Erkenntnis, wie sich kochende Seife verhält, ist nicht zu unterschätzen. Erst später habe ich verstanden, warum es ihr wichtig war, dass ich eine Schutzbrille und Schutzhandschuhe tragen musste und den Kopf nicht über die kochende Masse halten durfte, denn sie war sehr auf meine Sicherheit bedacht und dass mir bei all den Experimenten nichts passierte.
Von dieser Art meiner Experimente könnte ich seitenweise erzählen. Manchmal ging meine Experimentierfreude auch Mama zu weit und sie pfiff mich mit Rücksicht auf andere oder meine
Sicherheit zurück. Aber wir hatten deswegen keinen Streit, sondern sie erklärte mir die Probleme, die mein Handeln eventuell mit sich bringen könnten. In jungen Jahren hatte ich da natürlich so meine Probleme und wollte es nicht einsehen, war ich doch deutlich risikofreudiger als sie und habe mich mit zunehmendem Alter dann auch über ihre Bedenken hinweggesetzt. Und ich hatte immer Glück.
Heute denke ich mir, sie hatte schon manchmal recht und ich habe ihr bestimmt den letzten Nerv geraubt. Und trotzdem: wenn ich mich heute mit ihr darüber austausche, gibt sie mir immer zu verstehen, dass das eben ein Teil von mir ist und ohne diesen Ideenreichtum ich einfach nicht ich wäre. Und da bin ich froh, dass sie so großzügig denkt und heute auch über die eine oder andere Situation lachen kann, die sie zu meinen Lebzeiten manchmal gar nicht so lustig fand.
Sie meint, jeder von uns hat seine Ecken und Kanten und das ist auch gut so, denn sie wollte nie ein Nullachtfünfzehn-Kind, das der großen Masse blindlings hinterher läuft und das macht, was andere machen, nur um gut angesehen zu sein. Ihr war es wichtig, einen kritischen, reflektierten Menschen großzuziehen, der zu seinen Ideen und seiner Meinung stehen kann und das hat sie mir immer vorgelebt und so verhalten wir uns auch heute noch.
Nur schade, dass der eine oder die andere mit dieser Sicht- und Verhaltensweise Probleme hat und denkt, nur weil man nicht der gleichen Meinung ist, ist man gegen sie. Den Ursprung für diese Denkweise zu erörtern, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen und ist auch nicht meine Intention.
Und wenn ich mich heute frage, was all das, was ich so lernen durfte, möglich gemacht hat, so komme ich wieder auf unsere bedingungslose Liebe und unser gegenseitiges Vertrauen, das uns seit meiner Geburt, vielleicht sogar schon früher, verbunden hat und auch heute noch mehr denn je verbindet. Dieses Fundament kann nichts und niemand erschüttern und das gibt ihr genau wie mir auch heute die Kraft, unseren neuen Weg gemeinsam auszuprobieren und zu gehen. Vielleicht ist manches, was wir heute miteinander erleben, ein bisschen so wie die Experimente in meiner Kindheit. Wir probieren aus, das eine funktioniert, das andere nicht, der eine kann’s verstehen, der andere schüttelt den Kopf. Aber uns sind die Reaktionen einerlei, denn wir wissen, wofür wir weiter, in Liebe verbunden, kämpfen - verbunden in einer Liebe, die sich nicht in Worte fassen lässt.

