November

Mit dem November schleicht sich ganz langsam die „dunklere“ Jahreszeit in die Häuser und Herzen vieler Menschen. Zugegeben, zu meinen Lebzeiten fand ich persönlich diese Zeit herrlich. Es wurde früher dunkel, war nicht mehr so heiß wie im Hochsommer, die Sonne blendete nicht mehr so sehr, dafür wurden überall bei uns im Haus vermehrt Lichter angezündet und Mama begann langsam mit der Weihnachtsbäckerei, so dass es immer wieder so herrlich nach Vanille, Zimt und anderen leckeren Gewürzen roch. Wie ich diese Wochen liebte. Es wurde so gemütlich im Haus, wenn auch die Anforderungen von außen immer höher in dieser Zeit wurden und mir so manchmal die Laune verderben wollten. Und so habe ich für meinen Teil da manchmal die Reißleine gezogen, was Mama nicht immer begeisterte. Heute übermittelt sie mir des Öfteren wie recht ich hatte.
Und heute?
Bereits Mitte Oktober begann Mama sich um mein Grab Gedanken zu machen. Es sollte ja für den Herbst „hübsch“ hergerichtet werden. Auch wenn ich nur auf dem Friedhof bin, wenn sie auch dort ist, überlegen wir gemeinsam, wie das Grab gestaltet werden soll. Dieses Jahr hat sie mal wieder eine Gärtnerin in Staunen versetzt, als sie meinte, sie müsse mal wieder mit mir wegen der Pflanzen und der Anordnung Kontakt aufnehmen. Aber da kennt Mama nichts, schließlich ist es ja mein Grab und mir soll es „gefallen“. Das ist auch so ein Thema: eigentlich könnte es mir doch egal sein, wie es aussieht, aber das ist es nicht. Ich sehe in meinem Grab eine Gedenkstätte, einen Ort, der an mich erinnert, der mich nicht in Vergessenheit geraten lässt. Darüber gibt es natürlich ganz unterschiedliche Meinungen, auch unter uns Jenseitigen. Denn so ein Grab will gepflegt werden und das wollen viele Jenseitige ihren Angehörigen nicht zumuten. Da sind die Meinungen verschieden – unabhängig von Glauben und Religionszugehörigkeit.
Und wie geht es bei uns zu Hause weiter?
Mama stellt viele Kerzen auf, die ab dem frühen Nachmittag angezündet werden, viel früher als in den Sommermonaten. Zu meinen Lebzeiten hat sie vielleicht kleine Lämpchen angezündet, das macht sie zwar heute auch noch, aber die Dekoration ist viel weniger fröhlich und leicht als zu meinen Lebzeiten. Eine Schwere kehrt wieder in mein Elternhaus ein, die ich von früher gar nicht kenne.
Aber warum? Was ist jetzt anders als im Sommer zum Beispiel, da war es nicht ganz so schlimm.
Ich glaube, ich fehle ihr in dieser sentimentalen Jahreszeit irgendwie viel mehr. Die Erinnerungen an schöne gemeinsame Stunden, ob beim gemeinsamen Nachmittagskaffee, beim Einkaufen in den weihnachtlich dekorierten Geschäften oder beim Gang auf den Weihnachtsmarkt, erlebt sie zurzeit viel intensiver als im Sommer (da gehen wir ja auch gemeinsam einkaufen oder trinken gemeinsam Tee). Aber diese Zeit berührt viele Menschen auf die eine oder andere Art, geht sie doch tief ins Herz, macht sie aus den Erwachsenen „kleine Kinder“, die sich nach Schutz, Geborgenheit und Wärme sehnen. Diese Gefühle, gepaart mit dem Gedanken an einen geliebten Menschen, den man nicht mehr in den Arm nehmen kann oder in dessen leuchtende Augen man nicht mehr schauen kann, machen das Herz schwer und die Sehnsucht immer größer. Die so ersehnte heile Welt ist zerstört.
Dann kommen im November auch noch die Gedenktage an uns Vorausgegangene dazu, die auch immer wieder Wunden aufreißen, manchmal sogar noch vertiefen. Klar nicht bei allen, aber bei Menschen wie Mama, die sowieso schon unter dem Heimgang ihres lieben Angehörigen sehr leiden, sind diese Gedenktage das pure Gift. Diese Tage sind eher für die Angehörigen etwas, die sich auch mal wieder verpflichtet fühlen, auf den Friedhof zu gehen. Denen machen sie ja auch nichts aus.
Ich will hier auch keine Trauer kleinreden oder kluge Ratschläge geben, wie man diese schwere Zeit besser übersteht – ich weiß von Mama, dass das überhaupt nichts nutzt. Mir wäre es genauso gegangen, wäre sie vor mir gegangen. Da hilft es nur, jeden neuen Tag wie eine Treppe zu sehen, die man langsam hinaufsteigt, bis man irgendwann oben angekommen ist und sich ein bisschen ausruhen kann. Und dann kommt im nächsten Jahr das nächste Stockwerk, das man erklimmen muss. Schon mühsam!
Ich bemühe mich, ihr diese Zeit ein bisschen zu erleichtern, indem ich ihr vermehrt Zeichen schicke und mich viel mit ihr austausche – sowohl über ihr gegenwärtiges Leben als auch über unsere gemeinsame irdische Vergangenheit. Immer wieder lasse ich kleine Wünsche mit einfließen, was mir jetzt gut gefallen würde, wenn sie es macht. Und da sie mir, wie zu meinen Lebzeiten, so gut wie keinen Wunsch abschlagen kann, ist das eine gute Methode, um sie ein bisschen abzulenken. Oder auch, was sie jetzt im November kochen könnte wie zum Beispiel meine Martinigans, für die ich viele Jahre traditionsgemäß verantwortlich war.
Mal sehen, ob ich sie dazu bewegen kann, das Haus wenigstens ein kleines bisschen weihnachtlich herzurichten, denn mir gefällt es schon, wenn die eine oder andere Weihnachtsdekoration gegen Ende November unser Haus schmückt.
Tiefgreifende Gespräche über Trauer, Sehnsucht, Heimweh und dergleichen dürfen natürlich nicht fehlen, denn so manches sehe ich aus heutiger Sicht eben ganz anders als sie und auch wenn sie nicht immer meiner Meinung ist, regen sie meine Impulse doch zum Nachdenken an. Für mich ist diese Zeit bei weitem nicht so belastend wie für sie. Denn obwohl sie weiß, dass ich ihr ganz nahe bin, trägt sie tief in ihrem Innersten immer noch den Glaubenssatz, ich sei weit weg und deshalb für sie unerreichbar. Aber so ist es eben nicht. Im Moment sitze ich neben ihr auf dem Sofa und diktiere ihr diesen Text und erkläre ihr, dass diese Nähe, wäre ich noch im Diesseits und gesund, doch sehr unrealistisch wäre, denn ich müsste arbeiten gehen und mich vielleicht um meine eigene Familie kümmern. Aber diesen Gedanken verdrängt sie und sie sieht nur unsere enge Bindung wie sie bedingt durch meine Krankheit war. Da werde ich mir noch viele Argumente einfallen lassen müssen – ob ich sie jemals überzeugen werde? Ich weiß es nicht. Aber egal, ob sie irgendwann einmal ihre Ansicht ändert oder nicht, in einem sind wir uns einig: unsere bedingungslose Liebe bestand, besteht und wird immer bestehen und uns durch alle schweren Zeiten tragen.

